Barrieren abbauen – in den Köpfen und im Alltag

Die Teilnehmer der Veranstaltung des Marketing-Clubs am 6. April 2017 konnten ihren Horizont im wahren Sinn des Wortes erweitern. Prof. Dr. Thomas Kahlisch, Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde (DZB) zeigte anhand seines eigenen Beispiels, dass man trotz einer so schweren Behinderung wie der Blindheit, ein  normales Leben führen kann. Katrin Berken, die im MC Vorstand für Kommunikation zuständig ist, leitete die Veranstaltung ein und stellte die Gastgeber vor: Neben dem Direktor waren das Ludwig Henne vom Förderverein „Freunde der DZB“ und Sandra Plessing, die das Veranstaltungsmanagement der Einrichtung innehat.

Für Thomas Kahlisch, der mit 14 Jahren nach einer schweren Augenkrankheit erblindete, ist die Leitung dieser international renommierten Institution eine große Verpflichtung. Das Thema Barrierefreiheit steht für den 54jährigen Informatiker an vorderster Stelle. Das Haus fördert mit seiner Arbeit einen barrierefreien Zugang zu Wissen und Information für die rd. 1,2 Millionen Blinden und Sehschwachen in Deutschland (lt. WHO). Gerade die Möglichkeiten der digitalen Revolution sind für blinde Menschen ein Segen, den Thomas Kahlisch nach Kräften mit seinem hochqualifizierten und erfahrenen Mitarbeitern unterstützt. Gegründet wurde die DZB am 12. April 1894, um die Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten für Blinde zu verbessern. Die technische Ausstattung umfasste 1901 bereits Blindenschreibmaschinen, Punzier- und Druckmaschinen, um Texte in der Braille-Schrift vervielfältigen zu können. In der hauseigenen Druckerei werden neben Buchtiteln auch Zeitschriften, wie „Geolino“ für Kinder oder Artikel aus dem Stern und der Zeitschrift die Zeit in kleiner Auflage für Abonnenten hergestellt. Der Bestand der Bibliothek umfasst über 17.000 Buchtitel. Auch Reliefbilder mit Landkarten und Abbildungen gehören zum Verlagsprogramm. Alle Blindensendungen, die schon mal Koffergröße erreichen können, werden bundesweit kostenlos durch die Post zugestellt. Da es Älteren immer schwerer fällt, die Blindenschrift zu erlernen, gibt es seit 1956 Hörbücher. Das erste Buch war Martin Andersen Nexös „Lotterieschwede“. Im eigenen Studio, durch Sprecher und Schauspieler produziert, sind es inzwischen fast 40.000 Werke, dazu 6.400 Musikalien in Braillenoten. Visitenkarten in Braille-Schrift kann man hier ebenso „drucken“ lassen. Beim anschließenden Rundgang durch die Werkstatträume wurde deutlich, mit welcher handwerklichen Sorgfalt diese wichtigen Hilfsmittel hergestellt werden. Als Beispiel der hohen Qualitätsansprüche erhielten alle Teilnehmer der Veranstaltung ein Exemplar von Schillers „Ode an die Freude“ sowohl in Braille-Schrift als auch im Schwarzdruck. In der DZB werden auf Wunsch auch Unternehmen beraten, wenn es um barrierefreien Zugang zu Information, z. B. auf deren Webseiten geht.

Als Honorarprofessor wirkt Thomas Kahlisch seit rd. fünf Jahren, um der jungen Generation den Weg zu barrierefreien Medien zu vermitteln.

Der 2004 gegründete Förderverein „Freunde der DZB“ setzt sich vor allem dafür ein, dass noch viel mehr Bücher auch Blinden zugänglich werden. Wie Ludwig Henne erklärte, werden von den 100.000 Neuerscheinungen pro Jahr lediglich 2.000 in Brailleschrift übersetzt. Deshalb hat man mit dem Portal www.buchpatenschaft.de eine Plattform geschaffen, wo sich jeder für eine Buch- oder Notenpatenschaft engagieren kann. Durch verstärkte Öffentlichkeitsarbeit – darunter ein Film, der den Anwesenden gezeigt wurde, – wird auf die speziellen Belange sehbehinderter Menschen aufmerksam gemacht. Der Verein hat ein Inklusionsprojekt zwischen Leipzig und Addis Abeba initiiert sowie taktile Kinderbücher gefördert.

Sandra Plessing, die für das Veranstaltungsmanagement der DZB verantwortlich zeichnet, berichtete, dass vom 5. bis 7. Juli – im 125. Jahr des Bestehens der Zentralbücherei und 210. Geburtsjahr des Erfinders der Punktschrift für Blinde, Louis Braille – das Louis-Braille-Festival in Leipzig als besonderer Höhepunkt stattfinden wird. Dabei sein werden sowohl Blinde als auch Sehende. Wer sich dabei einbringen möchte, ob Einzelperson oder Unternehmen, kann sich jederzeit bei der DZB melden: sandra.plessing@dzb.de.

Fazit des Abends: Inklusion in allen Bereichen sowohl für blinde Menschen oder auch für andere Behinderte muss als Aufgabe von allen in der Gesellschaft verstanden und mitgetragen werden. Dieser Abend hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, eventuelle „Barrieren“ in den Köpfen abzubauen. Eine Veranstaltung voller neuer Erkenntnisse für alle Teilnehmer, nur schade, dass viele nicht dabei sein konnten.

Ein Besuch lohnt sich, deshalb VORMERKEN: Museumsnacht am 6. Mai 2017 und Tag der offenen Tür am 2. September 2017.

www.dzb.de               www.buchpatenschaft.de                                                     BG