WIE BRINGT MAN KUNST IN CHEMNITZ AN DEN MANN / DIE FRAU?

Würde man in Chemnitz eine Umfrage starten, wer die Kunstsammlungen braucht, stünde das Ergebnis mit einiger Sicherheit fest: nur verschwindend wenige Menschen. Es ist das Dilemma der Kunst schlechthin, dass sich nur eine Minderheit dafür interessiert – diese dafür aber mit einer besonderen Heftigkeit. Deshalb genießt Kunst ein hohes Ansehen, prominente Persönlichkeiten, viele Städte und ganze Regionen sind froh, wenn sie dahingehend etwas vorzuweisen haben und schmücken sich gern mit Speziellem. Doch wie gelingt es immer wieder, gegen den Druck der zurückhaltenden Masse zu argumentieren und der Kunst ihren Raum zu geben?

Zum Clubabend am 06. März 2017 gab es darauf fundierte Antworten durch Frau Dr. Ingrid Mössinger, Generaldirektorin der Chemnitzer Kunstsammlungen.

Sie ist mit vielen Fähigkeiten ausgestattet, die sehr hilfreich sind: Geduld, Zähigkeit, Beobachtungsgabe, Scharfsinn, Witz und durchaus auch einen Schuss Tollkühnheit.

Als Zugereiste beschäftigte sie sich erst einmal mit der Stadt selbst. Welche Künstler wirkten hier, welche Verbindungen zu welchen Städten gab es früher, was gibt es für Besonderheiten im Stadtgebiet und wie verknüpft man geschickt das Eine mit dem Anderen?

Auf diese Weise entstehen Handlungs- und Projektketten, die atemberaubend erscheinen. Brücke-Künstler (viele Werke im Archiv) führen zu Verbindungen nach Frankreich, diese weisen schnell zu Picasso (Ausstellung), der beschäftigte sich mit Lucas Crannach (Ausstellung), vom Westen aus wird der Osten entdeckt (Ausstellungen Peredwidschniki, Revolution), wieder westwärts führt die Reise zu Bob Dylan und von dort zurück zum 100-Meter-Becken und zum vierthöchsten Schornstein der Welt (beides in Chemnitz).

Keine Grenzen, keine Berührungsängste, kein „das geht nicht“. Und es geht unverzüglich weiter. Die Archive brauchen mehr Platz, die Ausstellungsräume reichen nicht, ein Anbau ist unvermeidlich. Während sich Stadtkämmerer äußerst zurückhaltend positionieren, sammelt Dr. Mössinger schlagende Argumente. Stadtimage, Ausstellungsfläche pro Ausstellungsstücke in den Archiven, Sekundäreinnahmen (Übernachtungen, Shopping, Gastronomie in Chemnitz), Werbewert von Feuilletonseiten und, und, und. Das wirkt und bringt der Stadt Renommee – auch wenn es das Stadtsäckel verschlankt.

Fazit: Ein informativer und zugleich unterhaltsamer Abend im besten Wortsinne, denn nach Vortrag und Ausstellungsbesuch gab es auch mit den Dresdener und Leipziger Clubfreunden gute Gespräche.

Vielen Dank an Frau Dr. Mössinger und die Mitarbeiter der Kunstsammlungen für die großzügige Unterstützung des Clubabends.